Kategorie: Sonstiges (Seite 6 von 6)

Ihr Bewusstsein

Liebe Leserinnen und Leser,

denken Sie manchmal – bewusst oder unbewusst – an Ihr Bewusstsein? Im April-Newsletter habe ich hierzu einiges zusammengefasst. Nach dem Lesen sind Ihnen vielleicht unbewusste Dinge des Alltags bewusster?!

Ich lade Sie ein – machen Sie einen Versuch:

Wir wachen morgens nach einem langen oder kurzen Schlaf auf; Geräusche bahnen sich ihren Weg in unseren Kopf; das laute Klingeln des Weckers reißt uns aus den Träumen. Schon kommen die ersten Gedanken: wie spät ist es, welcher Tag ist heute, was muss ich heue alles erledigen? Manchmal ist es so, dass wir die Nacht gar nicht bewusst erleben, weil wir so rasch und unbemerkt wieder zu uns kommen und einen Zustand erlangen, den wir „Bewusstsein“ nennen. Ein Zustand, der uns jedoch sehr vertraut ist.

Nur im Bewusstsein können wir uns „Gedanken machen“. Nur wenn wir bei Bewusstsein sind, können wir Freude empfinden oder auch Trauer, Schmerz oder sonstige Gefühlsregungen sowie Entscheidungen treffen oder Pläne für die Zukunft machen. Das ist für uns alle selbstverständlich.

Alle Eindrücke, die wir im Laufe eines Tages gewinnen, sind für jedes einzelne Individuum höchstpersönlich. Kein Mensch kann über einen anderen urteilen, wie beispielsweise der Schweinsbraten schmeckt oder sich die Umarmung eines geliebten Menschen anfühlt. In diesem Zusammenhang ist der Philosoph Ludwig Wittgenstein zu zitieren mit seinem Kommentar „ich bin meine Welt“. Kein anderer Mensch kann etwas erleben, so wie Sie es selbst erleben. Das ist schlichtweg unmöglich.

Ich weiß, dass ich denke – doch weshalb weiß ich, dass ich weiß, dass ich denke?

Die Beschäftigung mit dem Geist war jahrhundertelang ausschließlich den Geisteswissenschaften vorbehalten. Der französische Philosoph René Descartes, 1640, vertrat die Ansicht, dass der Mensch aus zwei voneinander getrennten „Wesenseinheiten“ besteht: nämlich einer materiellen und einer geistigen. Damit Seele und Körper zueinander in Kontakt treten könnten, machte er die Zirbeldrüse im Gehirn verantwortlich.

Im Laufe des 19. Jahrhunderts kamen jedoch Zweifel an dieser dualistischen Sicht von Leib und Seele auf. Immer mehr verbreitete sich die Ansicht unter Forschern, dass das Gehirn unser Denken, unser Bewusstsein, verursache.

Heute sind sich die Forscher sicher, dass unser Bewusstsein von den Denkorganen in unserem Kopf hervorgerufen wird. Hirnforscher und Neuropsychologen unterscheiden bis zu neun Bewusstseinszustände. Beispielsweise sind zu nennen:

  • Das Erfassen von Vorgängen in der Umwelt – Ich höre ein Geräusch
  • Das Erfassen von Vorgängen im eigenen Körper – Ich      habe Schmerzen
  • Mentale Zustände – Ich denke nach
  • Bedürfnisse – Ich habe Durst
  • Die Zugehörigkeit des eigenen Körpers – Das sind meine Beine

Trotz dieser unterschiedlichen Bewusstseinszustände fühlt es sich für uns immer noch so an, als sei es stets dasselbe Ich. Bin ich mir doch bewusst darüber, dass es mich juckt oder dass ich Hunger habe, dass ich gerade wach bin oder über den nächsten Urlaub nachdenke. Aber, jeder dieser einzelnen Ich-Zustände kann ausfallen. Zudem kommt hinzu, dass die verschiedenen Bewusstseinszustände in der Regel nicht alle gleichermaßen präsent sind. Vielmehr wechseln sich diese ständig ab.

Zum Beispiel: Ich denke gerade über den nächsten Urlaub nach; das Telefon läutet (ich höre das Läuten), ich laufe zum Telefon, ich stoße mir den Fuß (ich habe Schmerzen), … Es ist eine erstaunliche Leistung unseres Gehirns, die einzelnen Bewusstseinszustände aneinander zu reihen. In unserem Bewusstsein gibt es hierfür keinen „Schnitt“ wie wir dies beispielsweise bei Filmen kennen.

Den Wechsel unserer Ich-Zustände kann man sich vorstellen wie eine Art Wettbewerb. In unserem Gehirn ringen fortlaufende Informationen über uns und unsere Umwelt um Aufmerksamkeit. Aber auch unser Aufmerksamkeitsbewusstsein verfügt nur über eine begrenzte Kapazität. Wie mit einer Art Suchscheinwerfer sucht sich das Bewusstsein seinen Fokus, auf den es sich richtet – was es für wichtig erachtet und was für weniger wichtig erachtet. Beispielsweise hören Sie einer Geschichte zu. Die gesamte Aufmerksamkeit ist auf das Zuhören gerichtet. Umgekehrt verschwinden Eindrücke auch sehr schnell, je weniger wir uns damit beschäftigen. Hirnforscher haben festgestellt, dass ein Sinnesreiz bereits nach 5 Sekunden unserem Erinnerungsvermögen entfällt, wenn er unsere Aufmerksamkeit nicht genügend erregt. Eine bedeutende Rolle bei der Auslese unseres Bewusstseins spielt, laut Hirnforscher, der Talamus, eine kleine Region im Hirn.

Einige Neurowissenschaftler vertreten auch die Ansicht, dass die bewusste Wahrnehmung das Resultat eines Konkurrenzkampfes von Nervenzellverbänden ist. Beispielsweise gehen wir im Park spazieren und es kommt ein bellender Hund auf uns zugelaufen. Aufgrund dieser Nervenzellverbände ist unsere Aufmerksamkeit nur auf diesen bellenden Hund gerichtet und wir nehmen damit nicht mehr die Umwelt wahr, wie beispielsweise den Teich oder dass es zu regnen begonnen hat.

In diesem Zusammenhang fragt es sich natürlich, ob unser Bewusstsein nichts anderes ist als ein Senden elektrischer Impulse? Die Antwort darauf ist ernüchternd – die Forscher wissen es nicht.

Manche Dinge lassen sich eben nicht erforschen. Unsere Welt ist bunt, wir erleben Farben und Klänge, Gerüche und Geschmäcker, wir machen uns Gedanken über die Zukunft, aber wir wissen nicht warum. Vermutlich ist es so, wie Johann Wolfgang von Goethe schrieb: „Das schönste Glück des denkenden Menschen ist es, das Erforschliche erforscht zu haben und das Unerforschliche ruhig zu verehren.“

Mit diesen Worten wünsche ich Ihnen einen wunderschönen Frühlingsbeginn. Übrigens – auch das Wetter lässt sich nicht immer er/begründen….

Herzliche Grüße,

Natascha Freund

Quelle: Geokompakt Nr. 32/2012

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Familienübung

Liebe Leserinnen und Leser,

in meinem Newsletter vom Dezember 2013 haben ich Ihnen eine Übung vorgestellt, mit der Sie Harmonie in der Familie schaffen können. Für die zahlreichen Rückmeldungen und die Übermittlung der sehr schön gestalteten Bilder möchte ich mich ganz herzlich bedanken.

Im März-Newsletter möchte ich Ihnen eine weitere Familienübung vorstellen, die der Stärkung der Familiengemeinschaft dient.

Übung: Tiergeschichten

Es ist eine alte Methode, Menschen darzustellen, indem man sie als Tiere charakterisiert. In Fabeln wird dieses Stilmittel seit der Antike benutzt.

Ordnen Sie jedem Familienmitglied ein Tier zu. Jedes Tier sollte dabei eine wichtige Bedeutung haben. Anhaltspunkt dafür, welches Tier dem Einzelnen zugeordnet wird, sind dabei die Eigenschaften der Person. Der starke Junge im Kindergartenalter ist dann vielleicht ein Löwe, die große Schwester ein mächtiger Tiger. Die beiden leben nicht in der gleichen Region, könnten Sie jetzt einwerfen. Für unsere Übung ist das nicht wichtig. Aber beide sind stark und werden sich gegenseitig nicht vernichten. Stellen Sie Ihre Familie gemeinsam mit dem Kind zusammen. Sie dürfen helfen, wenn es darum geht, die richtige Tierart auszuwählen. Die Eigenschaften, die das Kind in den einzelnen Familienmitgliedern sieht, sollten Sie aber nicht in Frage stellen. Vielleicht ist der Löwe ja auch ein verwunschener kuscheliger Hund. Das wird sich später herausstellen. Wenn Ihre Tierfamilie fertig ist, kann sie gemalt werden. Und dann beginnen die Abenteuer. Was erlebt diese bunte Versammlung? Unternimmt sie Reisen oder kämpft sie gemeinsam gegen gefährliche Ungeheuer? Fordern Sie Ihr Kind auf, die Geschichte immer weiter auszubauen. Das Kind hat dadurch ein Ventil, das ihm hilft, Gefühle zu äußern. Halten Sie sich zurück, die Geschichte selbst weiter zu spinnen, geben Sie allenfalls Anstöße. Das Kind soll möglichst alles, was mit den Tieren geschieht, selbst erzählen. Lassen Sie auch traurige und gefährliche oder anderweitig unschöne Kapitel zu. Dem Kind dient diese Übung als Gelegenheit, etwaige Ängste zu bearbeiten. Im Verlauf des Erzählens übernehmen die Tiere nämlich die Aufgabe, die Familie aus der Sicht des Kindes darzustellen.

Diese Übung lässt sich immer wieder erneut spielen. So kann die ursprüngliche Geschichte einen anderen Verlauf nehmen oder es werden andere Tiere gewählt…es gibt unzählige Möglichkeiten.

Ich wünsche Ihnen auch diesmal viel Spaß beim Ausprobieren dieser Übung und viele schöne gemeinsame Stunden.

Herzliche Grüße,

Natascha Freund

In Anlehnung an Stefanie Glaschke, Unsere Patchwork-Familie

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Richtig streiten – wie geht das?

Liebe Leserinnen und Leser,

gehen Sie mit einem negativem Gefühl in einen Streit oder vermeiden Sie diesen sogar? Das muss nicht sein… Holen Sie sich eine Anleitung in diesem Newsletter:

 Richtig streiten – wie geht das

oder:

Was macht eine gelungene Partnerschaft aus?

Ich möchte Sie einladen, folgende Übung mit Ihrer/Ihrem Partner/in zu machen: Nehmen Sie eine Postkarte oder ein Foto mit einem Motiv. Beschreiben Sie Ihrer/Ihrem Partner/in, was Sie sehen, ohne das Foto selbst zu zeigen. Sie werden erstaunt sein, wenn Sie ihr/ihm die Postkarte / das Foto anschließend zeigen, welche Bilder sich Ihr/e Partner/in gemacht hat. Hat sie/er sich das Bild genauso vorgestellt, wie es aussieht? Lassen Sie Ihre/Ihren Partner/in erzählen, was sie/er sich vorgestellt hat. Sie werden jedenfalls überrascht sein….

Diese kleine Übung soll Ihnen zeigen, wie schwierig die menschliche Kommunikation ist. Ist es vor diesem Hintergrund noch erstaunlich, warum es Konflikte gibt?

Das Schwierige bei einer Diskussion, einem Streit, ist, dass wir dazu neigen, nur jene Dinge herauszuhören, die wir hören wollen. Seien Sie ehrlich – kommt Ihnen das bekannt vor?

Ellen Sillars (Universität von Montana) fand heraus, dass Frauen ihrem Gesprächspartner gegenüber mehr interpretieren als Männer dies tun. Frauen geht es vor allem um die Beziehung, wohingegen Männer eher bei der Sache bleiben. Ist damit eine Eskalation der Auseinandersetzung vorprogrammiert?

Der Psychologe und Beziehungsforscher John Gottman vertritt folgende Ansicht: „In a sea of conflict, men sink, women swim.“ – „In einem Meer von Konflikten gehen Männer unter, Frauen schwimmen.“ Er hat herausgefunden, dass Frauen deutlich häufiger als Männer Auseinandersetzungen beginnen und ihren Partner auffordern, sich darauf einzulassen. Männer hingegen reagieren darauf eher defensiv und wollen dem Konflikt ausweichen.

In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, ob Harmonie allein Paare glücklich macht. Hierzu gibt es unterschiedliche Ansätze. Einer davon ist es, dass wir stets eine Herausforderung brauchen. Das Scheitern einer Beziehung wird eher darauf geschoben, dass der Partner nicht genügend Widerstand entgegensetzt. Im Kampf um Ideen, Streit um die Durchsetzung eigener Bedürfnisse, kann die Chance zur persönlichen Weiterentwicklung in einer Partnerschaft gesehen werden. Einige Forscher vertreten die Ansicht, man heiratet angeblich immer sein Problem. Der Partner spiegelt einem oft das, was man an sich selbst vermisst, was man aber nicht wahrhaben will.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Streiten auch eine Auseinandersetzung mit dem Gegenüber ist, aber auch mit sich selbst und alles Negative auch viel Positives bringen kann, wenn beide Seiten dies wollen und erkennen. Kennen Sie die Gebote des „richtigen Streitens“?:

  1. Senden Sie stets „Ich-Botschaften“. Das heißt, dass Sie möglichst jeden Satz mit „Ich“ beginnen, wenn Sie etwas so empfinden. Die Ansprache Ihres Gegenübers mit beispielsweise „du machst …“ führt dazu, dass sich Ihr Gesprächspartner angegriffen fühlt. In diesem Fall empfiehlt es sich daher, Ihre Wahrnehmung wiederzugeben, in dem Sie sagen „ich habe den Eindruck, dass …“.
  2. Meiden Sie Verallgemeinerungen wie beispielsweise „immer“ oder „nie“. Führen Sie nach Möglichkeit immer eine konkrete Situation an, über die Sie sprechen oder die Sie kritisieren.
  3. Nennen Sie kein „typisches“ Verhalten Ihres Kommunikationspartners, sondern ein konkretes.
  4. Führen Sie keine Themen an, die in der Vergangenheit liegen und die sie schon einmal besprochen haben. Bleiben Sie beim aktuellen Thema.
  5. Seien Sie authentisch Ihrem Gesprächspartner gegenüber und fragen Sie ihn/sie, wie er/sie diese Situation tatsächlich empfindet.

Wenn Ihnen Ihre/Ihr Gesprächspartner/in Entgegnungen macht wäre Folgendes ratsam:

  1. Hören Sie aufmerksam zu; zeigen Sie Ihrem Gesprächspartner dies beispielsweise in dem Sie ihn ansehen und/oder zu gewissen Punkten nicken.
  2. Fassen Sie mit Ihren eigenen Worten zusammen, was Sie gehört haben. Damit lassen sich ganz viele Missverständnisse aufklären.
  3. Stellen Sie Ihrem Gesprächspartner Fragen, nach seinen Wünschen oder Gefühlen.
  4. Verwenden Sie nicht nur Kritik, sondern loben Sie Ihren Gesprächspartner auch.
  5. Beschreiben Sie eigene Gefühle, die Ihr Gesprächspartner mit seinen Worten ausgelöst hat.

Streit und Harmonie – vielleicht ist das Eine ohne das Andere gar nicht zu haben? Anders gefragt: Ist ein gutes Konzert ohne Dissonanzen möglich? Übrigens, die Herkunft des Wortes „Konzert“ kommt aus dem Lateinischen „concertare“ und bedeutet „streiten, kämpfen“.

Natürlich kann nicht jeder Streit anhand von „Spielregeln“ gelöst werden. Tieferliegende Unstimmigkeiten können auch auf zahlreiche andere Ursachen zurückzuführen sein und bedürfen gegebenenfalls externe Hilfe und einer eingehenden Beratung.

Diesen Newsletter möchte ich abschließen mit einem Zitat von Maybritt Illner „Viel Spaß beim Vermehren der gewonnen Erkenntnisse“.

Herzliche Grüße,

Natascha Freund

Quelle: GeoWissen Nr. 34/2004

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Eltern – was geben Sie uns mit?

Liebe Leserinnen und Leser,

in meinem ersten Newsletter im neuen Jahr habe ich mich mit folgendem Thema beschäftigt:

Eltern – Was geben sie uns mit?

Manchmal kann man beobachten, dass Eigenschaften sich innerhalb einer Familie wiederholen. Forscher haben herausgefunden, dass Äußerlichkeiten jedenfalls vererbbar sind. Es besteht die Möglichkeit, Fähigkeiten oder Talente weiter zu vererben. Das Wichtigste jedoch für die Formung des Charakters und der Persönlichkeit ist die Vorbildwirkung der Eltern. Hier sollen insbesondere die ersten drei Lebensjahre eines Kindes entscheidend sein, die die Grundlage dafür bilden, wie sich das Kind dann als Erwachsener fühlt, denkt und handelt. Darüber hinaus behauptete der US-Psychologe John Watson in den 1920er-Jahren, dass er jedes Kind so formen könne, dass es zu einer Art „Spezialisten“ ausgebildet werden könne – wie beispielsweise Arzt, Rechtsanwalt, Künstler, Geschäftsmann, …

Forscher in unserer Zeit, vertreten hingegen die Ansicht, dass Kinder nicht so leicht formbar sind, wie man einst glaubte. Die Persönlichkeit eines Menschen ergibt sich vielmehr aus einer komplexen Wechselwirkung mit der Umwelt. Wenngleich dabei auch Erbanlagen eine gewisse Rolle spielen, so zeigen diese doch nur eine Tendenz, in die sich der Mensch entwickeln könne, aber nicht müsse. Genetisch bedingt haben Forscher herausgefunden, dass bei der Zeugung jedes Gen doppelt vorliegt, das heißt sowohl von mütterlicher als auch von väterlicher Seite. Nun ist es möglich, dass die Erbinformation eines Genpaares eines Elternteils ganz unterdrückt wird oder aber, dass sie sich in ihrer Wechselwirkung verstärken oder auch abschwächen. Möglich ist aber auch, dass die Genanlagen zusammen wirken und damit die Effekte verändern. Das Resultat daraus ist dann, dass ein Kind seine Veranlagungen allein vom Vater oder von der Mutter haben kann; es kann aber auch eine Mischform beider Anlagen haben. Eine weitere Möglichkeit ist nicht zu unterschätzen, nämlich dass Gene früherer Vorfahren wieder auftauchen, die in der Vorgeneration nicht aufgetreten sind. Damit können ganz neue Eigenschaften auftreten.

Damit ist aber auch klar, dass jeder Mensch höchst individuell ist.

Im Zuge von Studien über die Persönlichkeitsentwicklung von Menschen über die Jahre hat sich herauskristallisiert, dass entgegen der früheren Ansicht, die Persönlichkeit nicht nur in den ersten drei Kindheitsjahren geprägt wird. Vielmehr ist die Persönlichkeit in der gesamten Jugendzeit in Bewegung. Erst danach zeigt sich eine Tendenz, dass sich diese verfestigt. Doch selbst im „Alter“ sind immer noch Umbrüche möglich.

Oft hört man, dass Kinder meinen, ihren Eltern immer ähnlicher zu werden. Dies ist in der Forschung jedoch noch nicht belegbar. Es ist zuzugestehen, dass die zunehmende Ähnlichkeit dadurch entstehen kann, dass man sich in jungen Jahren mehreren Lebensstufen von den Eltern entfernt fühlt. Es liegen die Schule, Berufsfindung, Familiengründung etc. vor einem. Später wird das Leben beständiger, die Lebensphasen und die Wahrnehmung gleichen sich an jene der Eltern an. In dieser Phase findet man mehr Übereinstimmungen.

Wie sieht dies mit Geschwistern aus? Ähnlichkeiten wurden festgestellt über das Verständnis von Humor. So zeigte sich, dass Kinder, die in einem gleichen Haushalt aufgewachsen sind, ein ähnliches Verständnis davon haben, was witzig sei. Anders ist dies jedoch bei Essensvorlieben, sozialen und politischen Haltungen sowie der Meinung zu körperlicher Aggressivität. Irrig ist jedenfalls die Annahme, dass Eltern ihre Kinder „gleich“ erziehen können. Selbst wenn sie dies wollten, wäre es nicht möglich, da Kinder von Geburt an verschieden sind. Eines ist auch gewiss, dass Eltern bei der Erziehung ihrer Kinder an die Grenzen ihrer Möglichkeiten stoßen. Oft fragt man sich: Wer prägt hier eigentlich wen?

Kinder wie Erwachsene wählen sich ihre Umwelt so weit wie möglich selbst aus. Sie gestalten sie dann ihrer Eigenart entsprechend. Folglich haben sie erheblichen Einfluss darauf, was sie formt und was nicht.

Eltern müssen akzeptieren, dass sie ihr Kind nicht auf direktem Weg ändern können. Sie können ihrem Kind immer nur ein Angebot machen und die Umwelt so weit wie möglich an das Kind anpassen. Als Eltern bieten wir unseren Kindern uns selbst an: die Art zu sprechen, Gefühle zu zeigen oder zu verbergen, Schwierigkeiten anzugehen, Abhängigkeit und Unabhängigkeit zu leben, Werte einzufordern und vorzuleben. Darüber hinaus verschaffen wir Kindern den Zugang zu ganz bestimmten Umwelten: zu Mitmenschen, zur Natur, Spielzeugen, Kindergärten, Schulen, Stadtvierteln. Das Kind selbst wählt aus, wovon es sich beeinflussen lässt und was von ihm abprallt.

Das bedeutet aber auch, dass nicht die Kindheit die Quelle aller Probleme ist und wir negative Erfahrungen/Erlebnisse nicht immer und ausschließlich auf unsere Eltern schieben können bzw. unsere Kinder auf uns als Eltern. Es gibt hierzu übrigens ein sehr schönes Buch von Ben Furman – „Es ist nie zu spät eine glückliche Kindheit zu haben“.

Vielleicht helfen Ihnen diese Einblicke sowohl aus Sicht der Eltern, aber auch aus Sicht der Kinder weiter; schließlich waren wir alle ja auch einmal in der Rolle des Kindes.

Herzlichst,

Natascha Freund

Quelle: GeoWissen Nr. 34/2004

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